
Auf dem Jubiläumsfest 2022 auf Noorder Poort war Jotika eine der Ehrengäste
In Memoriam Jotika Hermsen, 1932 – 2026
von Ciska Hosen Matthes
Am 11 März dieses Jahres verstarb die Vipassana-Lehrerin Jokita Hermsen. Sie war jahrzehntelang eine wichtige Person in der niederländischen buddhistischen Welt. Dank ihres Einsatzes haben unzählige Menschen den Weg zur Vipassana-Meditation und der buddhistischen Psychologie und Weisheit gefunden.
Jugend und Glaube
Sie war die älteste Tochter einer Bauernfamilie namens Jo in einer Provinz von Gelderland; sie kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister und besuchte die Landwirtschaftsschule. Sie fühlte sich berufen, Nonne zu werden und trat in den Orden der Franziskanerinnen in Denekamp ein, wo sie den Namen Marie-Louise bekam. Von hieraus studierte sie im Rahmen der Lehrerinnenausbildung Soziale Arbeit und Theologie, um die Novizinnen begleiten zu können.
In den sechziger Jahren fanden überall Umwälzungen statt, auch in den Klöstern. Das traditionelle Habit wurde auf einmal inakzeptabel. Alles wurde unter die Lupe genommen, und es kam die „Gott ist tot-Theologie“ auf. Es war in einem gewissen Sinne beängstigend, schrieb Jotika über diese Zeit. Sie war immerhin „verheiratet mit Gott“. Was blieb jetzt noch davon übrig? Aber die innere Überzeugung „der königliche Gott ist in Dir“ beruhigte sie.
1977, als die meisten Nonnen das Kloster verlassen hatten, trat auch sie aus und nannte sich nun Joke. In den nachfolgenden Jahren wurde sie eine führende Ausbilderin im Bereich Co-Counselling1, einer Selbsthilfemethode, die Teil der feministischen Bewegung war.
In den sechziger Jahren fanden überall Umwälzungen statt, auch in den Klöstern. Das traditionelle Habit wurde auf einmal inakzeptabel. Alles wurde unter die Lupe genommen, und es kam die „Gott ist tot-Theologie“ auf. Es war in einem gewissen Sinne beängstigend, schrieb Jotika über diese Zeit. Sie war immerhin „verheiratet mit Gott“. Was blieb jetzt noch davon übrig? Aber die innere Überzeugung „der königliche Gott ist in Dir“ beruhigte sie.
1977, als die meisten Nonnen das Kloster verlassen hatten, trat auch sie aus und nannte sich nun Joke. In den nachfolgenden Jahren wurde sie eine führende Ausbilderin im Bereich Co-Counselling1, einer Selbsthilfemethode, die Teil der feministischen Bewegung war.
Einführung in den Buddhismus
1986 lernte sie in Amsterdam die Vipassana-Meditation kennen. Mettavihari, ein thailändischer Mönch, der das Meditationszentrum leitete, fragte sie, ob sie bereits Meditationserfahrung habe. Sie antwortete: „Ja, mit christlicher.“ „Oh gut,“ sagte der Mönch,“ Du musst keine Buddhistin werden, um zu meditieren.“
Aber ihr Verlangen nach Vertiefung wurde letztendlich durch den Buddhismus erfüllt. Sie hat beschrieben, wie sie die neuen Begriffe, die sie lernte, mit den alten zu kombinieren versuchte, was manchmal gelang und manchmal auch nicht. „Lange Zeit habe ich in der Meditation die ‚Verwirrung‘ als Thema gehabt. Obwohl es nicht einfach war, half das Beobachten dieses Phänomens mir letztendlich, die Verwirrung zu überwinden.“ So erfuhr sie die Kraft der Vipassana-Meditation.

Karte anlässlich ihres Todes. Den beigefügten Text möchte Jotika ihren Mitmenschen mitgeben. Foto: Nadine Ancher
Warte nicht auf später
„Was ist das größte Problem der Menschheit?“ fragte der buddhistische Mönch U. Nandamala aus Myanmar. Seine Antworten kamen zögerlich. „Unwissenheit, Krankheit, Leiden und Gewalt.“
„Wir sind auf dem Weg zum Friedhof,“ sagte er strahlend. „Ob du willst oder nicht. Patsch, Bumm! Das ist für uns Menschen das größte Problem. Das Leben ist unsicher, aber der Tod ist sicher.“
„Wir sind auf dem Weg zum Friedhof,“ sagte er strahlend. „Ob du willst oder nicht. Patsch, Bumm! Das ist für uns Menschen das größte Problem. Das Leben ist unsicher, aber der Tod ist sicher.“
Buddha sagt:“ Wenn du stirbst, hört dieses Leben auf der Erde auf: Erde kehrt zur Erde zurück, Feuer zum Feuer, Wasser zum Wasser und Luft zur Luft. Aber wenn dein Karma nicht erfüllt ist, beginnt der ganze Prozess aufs Neue. Wenn du an nichts mehr festhältst, an Geld und Gut, an deinem Körper, deinen Gefühlen, auch nicht mehr an deinen Gedanken und deinem Verlangen, dann bist du wirklich ganz frei. Dann bist du im Nirwana: da wo es keinen Tod, keine Trauer und kein Jammern gibt.“
Sei also weise, warte nicht auf später. Gehe über den Friedhof und sieh, wohin du gehst, schau, was du mitnehmen kannst. Erinnere dich an die Volksweisheit: Das Totenhemd hat keine Taschen. Was willst du mitnehmen? Beginne zu teilen, habe keine Angst davor, gut zu sein. Lass alle Grenzen hinter dir. Sorge dich um nichts. Halte an nichts fest, weder an einer Person noch am Leiden oder am Leben. Dann wirst keinen Friedhof mehr fürchten und bist ein glücklicher Mensch. Schon jetzt, heute und hier.
Jokita Hermsen (1932–2026)
Was sie im Katholizismus nicht finden konnte, fand sie letztendlich im Buddhismus. Mettavihari gab ihr den Dharma-Namen Jotika. 1992 wurde sie Leiterin des Meditationszentrum im Herzen von Amsterdam und wohnte dort auch. Sie organisierte im „Internationaal Theosofisch Centrum“ in Naarden jahrzehntelang zahllose kurz und lange Vipassana-Retreats. Am Anfang leitete sie selbst oder zusammen mit Mettavihari die Retreats, aber später lud sie auch regelmäßig ausländische Lehrer, die sie inspirierten, ein. Z.B. Bhante Sujiva, Ayya Virañani und Bikkhuni Dhammananda, die sich für die Ordination von Frauen im Thailändischen Buddhismus einsetzte. Obwohl Jotika um 2012 eine Muskelerkrankung bekam und körperlich eingeschränkt war, hat sie doch noch bis 2022 Meditationsangebote begleitet. In der Corona-Zeit startete sie eine Online-Meditationsgruppe, die sie täglich bis kurz vor ihrem Tod leitete.
Metta und Panña (Maitri2 und Prajna3)
Das erste Mal begegnete ich Jotika in „Sint Pieterspoortsteeg“. Ganz in dunkelrot gekleidet saß sie vor dem großen, goldenen Buddha und bekam zum Abendbrot ein Stückchen Käse serviert. Sie lebte so gut wie möglich nach den acht Theravada-Gelübden, und das war das einzige Essen, das ihr nach der Mittagszeit zustand. Nach meinem mühsamen Abenteuer in Japan und meinem Ringen mit Zen beschloss ich 2005 mit Zustimmung von Jiun Roshi, aus Neugierde andere Wege zu gehen und ein Vipassana-Retreat zu besuchen. Von da an habe ich neben den Sesshins auf Noorder Poort entweder alleine oder mit meiner Mutter auch viele Retreats bei Jotika besucht. Bei ihr lernte ich den Pali-Kanon und viele Einsichten in die buddhistische Psychologie kennen: die fünf Skandas, die sieben Faktoren der Erleuchtung, die drei Trainingsprinzipien, die vier Grundlagen der Aufmerksamkeit usw. Ich sog alles gierig in mich auf und war berührt von Jotikas persönlichen und klaren Erläuterungen.

Während eines Retreats in Naarden, 2009. Foto: Diana Vernooij
Sie konnte mit sehr erfrischendem Staunen über buddhistische Einsichten sprechen, als ob sie sie stets aufs Neue entdeckte und schätzte. Z. B. als sie davon erzählte, wie Mettavihari nach dem Tod seines Vaters sagte: “Life is just a process4.“ Oder über den Mönch in Birma, der zu ihr sagte, als sie stets über ihre Schmerzen beim Meditieren klagte: „Don´t worry about your pain. Don´t worry about yourself!5“ Das hat ihr sofort geholfen loszulassen und ihr eine tiefe Einsicht gegeben.
Während des Retreats saß Jotika oft vor der Gruppe in der Meditationshalle, neben sich eine Klangschale. Es kam manchmal vor, dass sie so tief in die Meditation versunken war, dass sie die Klangschale und die ganze Umgebung vergaß. So konnten wir dann endlos lange sitzen bleiben — bis man selbst aufgab und beschloss, still den Raum zu verlassen.
Jotika blieb auch als Meditationslehrerin weiterhin Studentin, was sie sehr zugänglich und glaubwürdig machte. Wenn sie einen Lehrer oder eine Lehrerin aus dem Ausland eingeladen hatte, wollte sie so viel wie möglich von ihm oder ihr lernen. Das zu sehen war sehr inspirierend, und es fühlte sich wie ein Privileg an, mit ihr zu studieren.
Ich erinnere mich an ein langes Retreat in Samatha-Meditation in Cadzand im Herbst, wo wir einmal die Aufgabe hatten, alle gefallenen Blätter zusammenzukehren. Jotika, sicher schon weit über achtzig, war begeistert bei der Sache und wollte, dass ich immer einen Sack mit Blättern auf ihren Rollator legte, damit sie ihn zum Kompost bringen konnte. Sie war unermüdlich und hatte sichtlich Spaß dabei.
Jotika blieb auch als Meditationslehrerin weiterhin Studentin, was sie sehr zugänglich und glaubwürdig machte. Wenn sie einen Lehrer oder eine Lehrerin aus dem Ausland eingeladen hatte, wollte sie so viel wie möglich von ihm oder ihr lernen. Das zu sehen war sehr inspirierend, und es fühlte sich wie ein Privileg an, mit ihr zu studieren.
Ich erinnere mich an ein langes Retreat in Samatha-Meditation in Cadzand im Herbst, wo wir einmal die Aufgabe hatten, alle gefallenen Blätter zusammenzukehren. Jotika, sicher schon weit über achtzig, war begeistert bei der Sache und wollte, dass ich immer einen Sack mit Blättern auf ihren Rollator legte, damit sie ihn zum Kompost bringen konnte. Sie war unermüdlich und hatte sichtlich Spaß dabei.
Mit ihrer fröhlichen, liebevollen Ausstrahlung konnte Jotika dich immer begeistert begrüßen, immer aufgekratzt, voller Mitgefühl und Humor. Für mich war sie die Verkörperung von Metta (maitri auf Sanskrit)6.

Ordination zur Zen-Lehrer*in von Ciska Matthes u. Stef Lauwers (2024). V.l.n.r. Riët Aarsse, Ciska Hosen, Jotika, Jiun Roshi und Stef Hosan.
2022 kam sie auch zum Jubiläumsfest von Noorder Poort, wo sie eine der Ehrengäste war. Trotz ihrer Krankheit erfreute sie sich an allen Aktivitäten u. a. dem Bogenschießen. Und zu meiner Freude war sie 2024 auch bei meiner und Stefs Ordination zur Zen-Lehrer*in. Ich bin sehr dankbar, dass ich sie kennen lernen durfte.
1: Co-Counselling ist eine Methode der partnerschaftlichen, gegenseitigen psychologischen Unterstützung und Lebenshilfe zwischen gleichberechtigten Personen. (Anm. d. Übers.)
2: Liebende Güte (Sanskrit) – (Anm. d. Übers.)
3: Höchste Weisheit (Sanskrit) – (Anm. d. Übers.)
4: Das Leben ist nur ein Prozess. (Anm. d. Übers.)
5: Mach dir keine Sorgen über deine Schmerzen, mach dir keine Sorgen über dich. (Anm. d. Übers.)
6: S. oben Anm. 2.
2: Liebende Güte (Sanskrit) – (Anm. d. Übers.)
3: Höchste Weisheit (Sanskrit) – (Anm. d. Übers.)
4: Das Leben ist nur ein Prozess. (Anm. d. Übers.)
5: Mach dir keine Sorgen über deine Schmerzen, mach dir keine Sorgen über dich. (Anm. d. Übers.)
6: S. oben Anm. 2.
(Übersetzung aus dem Niederländischen von Maria Fröhlich und Doris Behrens)
Quelle: In memoriam Jotika Hermsen, 1932 – 2026 aus ZenLeven Frühjahr 2026
