Ein be­son­de­rer Bei­trag aus der Sang­ha: Frank Smit (29) war sechs Wo­chen im Zen-Klos­­ter So­gen­ji in Oka­ya­ma (Ja­pan). Re­dak­teu­rin San­dra Weij­man sprach mit ihm über sei­ne Er­leb­nis­se. Frank übt seit un­ge­fähr fünf Jah­ren Zen-Me­­di­­ta­­ti­on und sitzt seit An­fang 2023 am Mon­tag­abend in der Grup­pe in Ut­recht. Er stu­dier­te Ge­schich­te und ar­bei­te­te an ver­schie­de­nen wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­ten und ori­en­tiert sich zur­zeit be­ruf­lich neu.
Sogenji (Foto von Frank)

So­gen­ji (Fo­to von Frank)

Sechs Wochen in einem japanischen Zen-Kloster

San­dra Weij­man und Frank Smit
Wie be­gann Dein Zen-Weg und wie kamst du da­zu, in Ja­pan ins So­gen­ji Klos­ter zu gehen?
Ich woll­te aus ver­schie­de­nen Grün­den mit dem Me­di­tie­ren be­gin­nen. Ich hat­te schon Er­fah­run­gen mit der APP Head­space, aber ich woll­te ger­ne mit ei­nem Leh­rer üben. So kam ich per Zu­fall zu ei­nem Zen-Kurs. Nach mei­nem ers­ten Sess­hin hat­te ich das Ge­fühl, dass Me­di­ta­ti­on für mich sehr wich­tig wur­de. Ich war neu­gie­rig auf ein ja­pa­ni­sches Zen-Klos­­ter. Da­mals dach­te ich, dass dies die au­then­tischs­te Form von Zen ist. So kam ich zum Zen Cen­trum Gro­nin­gen und zu Tom van Di­jk. Tom war schon im So­ge­nij Klos­ter ge­we­sen, und ich sprach mit ihm dar­über, ob es auch für mich et­was wä­re, dort­hin zu ge­hen. Er riet mir, erst noch mehr Zen zu üben. Al­so ha­be ich an ein paar Sess­hins der eu­ro­päi­schen Sang­ha des So­gen­ji in Deutsch­land teil­ge­nom­men und war letzt­end­lich im No­vem­ber und De­zem­ber 2024 in So­gen­ji, Ja­pan. Ich woll­te ur­sprüng­lich drei Mo­na­te dort ver­brin­gen, aber letzt­end­lich bin ich nur sechs Wo­chen geblieben.
Könn­test du et­was mehr über das Klos­ter erzählen?
Das Klos­ter prak­ti­ziert sehr tra­di­tio­nel­les Rin­zai. Der Meis­ter, Sho­do Ha­ra­da Ro­shi, ist spe­zia­li­siert auf die Un­ter­wei­sung von west­li­chen Schü­lern und wur­de von sei­nem Meis­ter da­zu be­auf­tragt. Der Ro­shi spricht et­was eng­lisch. Um ihn her­um gibt es ei­ne gan­ze Sang­ha, die ihn un­ter­stützt. Die Mehr­heit be­steht aus Lai­en und ei­ni­gen of­fi­zi­el­len Mön­chen. Da­ne­ben gibt es noch ei­nen Hand­voll Ja­pa­ner aus der Um­ge­bung, die mit­me­di­tie­ren. Je­der, der da me­di­tiert, be­kommt im Zen­do ei­ne Kar­te mit sei­nem oder ih­rem Na­men und Ge­schlecht. Ich be­kam ei­ne Kar­te mit zwei Zei­chen, mein Na­me und weil ich ein Mann bin, das Zei­chen für „go­ji“ d.h. „Fa­mi­li­en­ober­haupt“. Wenn man Mönch wird, be­kommt man wie­der ei­nen an­de­ren Titel.
Der gan­ze Ab­lauf wird durch die Ge­mein­schaft ge­tra­gen. Es wird in ei­ner fes­ten Struk­tur ge­ar­bei­tet. Je­den Abend wird den Be­woh­nern ih­re Ar­beit für den nächs­ten Tag zu­ge­wie­sen. Wäh­rend der Sess­hins gibt es Leu­te mit fes­ten Auf­ga­ben, z. B. in der Kü­che. Am schwar­zen Brett hängt der je­wei­li­ge Ta­ges­ab­lauf. In den Ar­beits­zei­ten sitzt man nicht mit, son­dern macht z. B. den Ab­wasch. Je län­ger du im Klos­ter bist, des­to mehr Auf­ga­ben be­kommst du.
Beim Klos­ter ist ein sehr gro­ßer Park mit ho­hen Na­del­bäu­men und Ahorn­bäu­men. Wäh­rend der Ar­beits­zei­ten feg­ten wir die Pfa­de und hark­ten den Park. Da­ne­ben muss­ten wir un­se­re Zim­mer sau­ber hal­ten. Als Neu­ling muss­te ich wäh­rend der Rei­ni­gungs­zei­ten im­mer die Toi­let­ten säubern.
Teil des Gartens von Sogenji (Foto von Frank)

Teil des Gar­tens von So­gen­ji (Fo­to von Frank)

Teil des Gartens von Sogenji (Foto von Frank)

Teil des Gar­tens von So­gen­ji (Fo­to von Frank)

Das Klos­ter wird durch das Rin­­zai-In­­s­ti­­tut und al­ler­lei Spen­den fi­nan­ziert. Es be­kommt bei­spiels­wei­se vom Su­per­markt Nah­rungs­mit­tel, die nicht mehr ver­kauft wer­den kön­nen. Au­ßer­dem wird es auch von fi­nan­zi­ell gut­ge­stell­ten Ge­bern aus ganz Ja­pan unterstützt.
Das Klos­ter ist der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich. Wenn du ar­bei­test, musst du dau­ernd die Gäs­te grü­ßen, die dir be­geg­nen, na­tür­lich auch die Ki­­mo­­no-tra­­gen­­den Braut­paa­re, die sich vor dem herbst­li­chen Hin­ter­grund fo­to­gra­fie­ren las­sen. Nur die Me­di­ta­ti­ons­räu­me und das Ge­bäu­de des Haupt­kom­ple­xes sind dem Pu­bli­kum nicht zugänglich.
Zum Roh­atsu ka­men auch vie­le Leu­te, die Es­sen oder Ein­ge­mach­tes mit­brach­ten. Beim Mit­tag­essen gab es Nach­tisch, manch­mal gan­ze Scho­ko­la­den­rie­gel! Ich schlief im Zen­do auf ei­nem Fu­ton, den ich abends aus­roll­te. Be­woh­ner, die län­ger da­blie­ben, be­ka­men ein ei­ge­nes Zim­mer. So auch die Frau­en, sie wa­ren in ei­nem ei­ge­nen Ge­bäu­de. Das Es­sen war im­mer gut, und wenn viel ge­spen­det wur­de, gab es noch zu­sätz­lich Leckereien.

Sho­do Ha­ra­da Ro­shi 2004, Fo­to Ro­land Schmid, li­zen­zier­te Nutzung

Was ist Sho­do Ha­ra­da Ro­shi für ein Mensch?
Über ei­nen Zen-Meis­­ter zu re­den, ist ei­ne sehr schwie­ri­ge Auf­ga­be. Er hat sehr vie­le Fa­cet­ten. Be­zeich­nend für ihn ist sei­ne star­ke Prä­senz. Ich ha­be ein­mal in ei­nem Ar­ti­kel ge­le­sen, dass er als „Atom­re­ak­tor des Zen“ be­zeich­net wird. Wenn es er­for­der­lich ist, kann er ei­ne enor­me En­er­gie her­vor­ru­fen, dann setzt er sei­nen gan­zen Kör­per und Le­bens­kraft ein, z. B. wäh­rend der Mor­gen­re­zi­ta­ti­on oder beim San­zen. Aber er hat auch ei­ne ganz zar­te Sei­te. Die kommt schein­bar aus dem Nichts, und dann hat er auf ein­mal nur ge­flüs­tert. Aber manch­mal konn­te er auf ein­mal sehr bö­se wer­den. Das pas­siert z. B., wenn der Koch et­was ver­kehrt mach­te, oder wenn bei der Su­­tren-Re­­zi­­ta­­ti­on der „Vor­sän­ger“ nicht rich­tig betonte.
Ro­shi zeig­te vor al­lem bei Leu­ten, die schon län­ger da wa­ren, sei­ne har­te Sei­te. Als Per­son kann man ihn schlecht be­schrei­ben. Er setz­te al­les ein, um die Men­schen zu leh­ren und for­der­te sie da­bei auch.
Ich selbst fand es schwie­rig, da­mit um­zu­ge­hen. Ich frag­te mich: „Ist er, Ro­shi, jetzt tat­säch­lich wü­tend auf mich?“ Manch­mal ha­be ich mit Mit­be­woh­nern dar­über ge­spro­chen, und die mein­ten dann: “Es kann sein, dass es kei­ne Be­deu­tung hat, oder aber es ist ein per­sön­li­cher An­griff, aber es kann ei­ne Stra­te­gie sein, um das Ego auf­zu­zei­gen.“ In der ja­pa­ni­schen Kul­tur könn­te die „wü­ten­de“ Sei­te et­was ganz an­de­res be­inhal­ten als im Wes­ten. Ob das wirk­lich so ist, kann ich nicht sa­gen. Die At­mo­sphä­re lässt sich am bes­ten so be­schrei­ben: Es ist ein si­cher — un­si­che­rer Raum: Ein Ort, wo du si­che­re und un­si­cher Si­tua­tio­nen üben kannst. Es war echt ei­ne Her­aus­for­de­rung, da­mit um­zu­ge­hen. Wenn man das nicht kann, wird es schnell sehr schwer.
Und wie war es im Sanzen?
San­zen ist sehr wich­tig im So­gen­ji. Weil ich nur so kurz im So­gen­ji war, kann ich, be­zo­gen auf den Um­fang der tra­di­tio­nel­len Rin­­zai-Ko­an-Pra­xis, wie sie hier ge­lehrt wird, nur ei­nen klei­nen Ein­druck ge­ben. Was die Klei­dung be­trifft, ist sie in je­dem Fall im ty­pi­schen ja­pa­ni­schen Stil. Das heißt: Wenn es Zeit für San­zen (die per­sön­li­che Be­geg­nung mit dem Leh­rer) ist, wird vier­mal ei­ne Glo­cke ge­schla­gen. Dann springt je­der vom Kis­sen auf, nichts wie in die Schu­he, dann folgt ein Sprint zu der Hal­le, wo wir war­ten, bis der Ro­shi mit dem San­zen be­ginnt. „Wer zu­erst kommt, mahlt zu­erst.“ Das war im­mer was, be­son­ders mit den Be­su­chern als Zu­schau­er! Es kam fast zu Hand­greif­lich­kei­ten! Dann hieß es war­ten, bis Ro­shi so weit war (was sich manch­mal wie ei­ne Ewig­keit an­fühl­te). Wenn du dann dran bist, schlägst du zwei­mal die Glo­cke, be­trittst den Raum, machst dei­ne ri­tu­el­len Ver­beu­gun­gen, und dann hast du San­zen. Das war für mich als Neu­ling kurz und en­er­gisch, auf englisch.
Bei mir ging es vor al­lem dar­um, wie ich ihm mei­ne Kon­zen­tra­ti­on zeig­te, d. h. mein gan­zer Kör­per als ein Atem­ho­len. Das mach­te er mir dann mit all sei­ner En­er­gie vor: Sei­ne Prä­senz war wich­ti­ger als Wor­te. Aber manch­mal war sei­ne Re­ak­ti­on ganz an­ders; sehr sanft, oder er frag­te mich plötz­lich et­was, wo­mit ich nicht ge­rech­net hat­te. Dann saß ich da, stumm und oh­ne Ant­wort. Ich wuss­te wirk­lich nie, was mich er­war­tet. Doch das Durch­schau­en des Un­ge­sag­ten schien mir ein wich­ti­ger Teil des San­zen zu sein. Da­ne­ben gab es dann und wann das so­ge­nann­te Sō­san,“ al­­le-ge­hen-hin“, wo­bei wir al­le ru­hig und der Rei­he nach zu ihm gin­gen. Da war dann ein Über­set­zer da­bei, und man konn­te mit Ro­shi et­was län­ger reden.
Fühl­te sich dei­ne Pra­xis an­ders an als Zen in den Niederlanden?
Das ist ei­ne Fra­ge mit sehr vie­le Sei­ten. Als ers­tes hat man in den Nie­der­lan­den die Wahl zwi­schen vie­len Rich­tun­gen, und dann kann es auch ei­ne Art Hob­by1 für dich sein. In Ja­pan ist es ei­ne Le­bens­wei­se: Du kannst Mönch wer­den oder du bist Laie, und dann un­ter­stützt du die Mön­che. Die Welt der Mön­che und die der Lai­en ist in die­sem Klos­ter sehr un­ter­schied­lich. Die Be­geg­nung mit dem Ro­shi ist nur für Mön­che und für die per­ma­nen­ten oder vor­über­ge­hen­den Be­woh­ner des Klos­ters mög­lich. Ei­ne Ja­pa­ne­rin, die ich dort ken­nen­lern­te, wohn­te in der Nä­he und woll­te auch mit der Me­di­ta­ti­ons­pra­xis be­gin­nen. Sie saß oft mit, ar­bei­tet mit und mach­te auch Sess­hins. Aber sie moch­te nicht zum San­zen. Das fand ich schon ein biss­chen unehrlich.
Gebäude mit den Sutra-Rollen (Foto von Frank)

Ge­bäu­de mit den Su­­tra-Rol­­len (Fo­to von Frank)

Zen ist dort ein­deu­tig ei­ne in­sti­tu­tio­nel­le Re­li­gi­on. Sie hat Ge­wicht, Ge­schich­te und ist eng ver­floch­ten mit der Kul­tur. Es gab vie­le Ele­men­te, die mir fremd wa­ren, z. B. ein Haus nur für Su­­tra-Rol­­len. Es gab ein Haus, das kai­san­dō hieß, mit dem Stand­bild des Stif­ters des Klos­ters. Ich spür­te, dass ich ein Teil war von et­was Al­tem und Fremd­län­di­schen, et­was Exo­ti­schem. Es gibt sehr vie­le ri­tu­el­le Hand­lun­gen, Op­fer und Be­we­gun­gen, und man weiß im­mer ge­nau, war­um man et­was tut. Ganz si­cher, wenn man im Haupt­ge­bäu­de ist, zu­sam­men mit dem Ro­shi, liegt gro­ßer Nach­druck auf: gu­te Ord­nung, rich­tig sit­zen, die Klei­dung sitzt gut…
Was mach­te auf dich den größ­ten Eindruck?
Auch das ist auch so ei­ne Fra­ge, auf die ich schwer ei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort ge­ben kann. Ich den­ke letzt­end­lich doch das Ge­mein­schafts­le­ben. Dass die Leu­te den Tem­pel al­le zu­sam­men am Lau­fen hal­ten. Das fand ich inspirierend.
Als ich ei­ne Wo­che dort war, war Kai­san­ki. Das ist ein Fest zur Eh­re des Stif­ters. Es ka­men al­le ja­pa­ni­schen Pries­ter, die je­mals hier ge­übt hat­ten, und es fand ei­ne sehr lan­ge Ze­re­mo­nie statt (You­Tube Film). Ro­shi trug ein präch­ti­ges Ge­wand, so­zu­sa­gen mit Gold be­deckt, und das gan­ze Zen­do war mit Jahr­tau­sen­de al­ten Su­­tra-Rol­­len ge­schmückt. Der Tem­pel ist in der Tat ein Teil der ja­pa­ni­schen Kul­tur. Dort als je­mand aus Gro­nin­gen zu sit­zen und doch ein Teil da­von zu sein, war sehr besonders.
Die mys­ti­sche Sphä­re des Klos­ters war spür­bar. Lau­ter Din­ge, die du in den Nie­der­lan­den nicht hast: enorm ho­he To­re mit ei­ner Glo­cke dar­in, die am Mor­gen und am Abend ge­läu­tet wird. Wäh­rend des Sess­hins gin­gen wir am En­de des Ta­ges in der Däm­me­rung durch den al­ten Bam­bus­wald und über ei­nen al­ten, ver­fal­le­nen Fried­hof. Als ich am Abend zum Meis­ter muss­te, saß er da im Ne­bel. Die Klei­dung ist ganz und gar ja­pa­nisch, und es un­mög­lich, die­se hier in den Nie­der­lan­den zu ko­pie­ren. Dem Ro­shi wur­de gro­ße Eh­re er­wie­sen, dass er das Klos­ter ge­öff­net hat und den Men­schen die Chan­ce gibt, hier zu üben, wenn sie das möch­ten. Und gleich­zei­tig ist da auch et­was in mir, das das Gan­ze mit Vor­sicht ge­nießt. Mein Opa war Bau­er in Fries­land. Und ich sit­ze hier in ei­nem Zen-Te­m­­pel in Japan …
Sutra-Rolle mit dem Lotus-Sutra, 14. Jh. (nicht aus Sogenji)

Su­­tra-Rol­­le mit dem Lo­­tus-Su­­tra, 14. Jh. (nicht aus Sogenji)

Lotus-Sutra (ausgerollt) dem Dunhuang grotten in China entnommen (lizenzierte Nutzung)

Lo­­tus-Su­­tra (aus­ge­rollt) dem Dun­huang grot­ten in Chi­na ent­nom­men (li­zen­zier­te Nutzung)

Was fan­dest du schwierig?
Wäh­rend des Sess­hins ha­be ich mir mein Knie schwer ver­letzt. Ich konn­te nicht zum Arzt, oh­ne das Sess­hin ab­zu­bre­chen. Das In­ter­net war aus­ge­fal­len, und ich konn­te au­ßer mit dem Jjis­ha­ryo2 mit nie­man­den re­den. Da­mals fühl­te ich mich sehr isoliert.
Das war si­cher ei­ner der schwie­rigs­ten Mo­men­te. Nur auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen sein, ist auch Teil des Trai­nings in die­sem Klos­ter. Jeg­li­cher Halt wird dir ge­nom­men, und das ist auch, was der Ro­shi im San­zen macht. Wenn du denkst, du weißt, wie es ge­ra­de läuft, wuss­te er im­mer, dir den Bo­den un­ter den Fü­ßen wegzuziehen.
Au­ßer­dem war es sehr kalt und ich be­kam Er­frie­rungs­er­schei­nun­gen an ei­ner Hand. Gro­ße Haut­be­rei­che wa­ren of­fen. Es gab we­nig Ge­le­gen­heit, sich auf­zu­wär­men und zu hei­len. Ich woll­te vor­sich­tig sein und nicht ei­nen Fin­ger ver­lie­ren… das war dann auch ei­ner der Grün­de, war­um ich frü­her wegging.
Zendo (Foto von Frank)

Zen­do (Fo­to von Frank)

Wür­dest du wie­der hin­fah­ren wollen?
Viel­leicht … wenn mei­ne Si­tua­ti­on es zu­lässt. Es fühlt sich wie ein Ort an, dem du dich wirk­lich für län­ge­re Zeit hin­ge­ben soll­test. Ich merk­te, dass es Mo­na­te dau­ern wür­de, um die Tie­fe zu er­rei­chen, die der Ro­shi se­hen woll­te. Es ist ei­ne sehr tra­di­tio­nel­le Lehr­me­tho­de, die du Schritt für Schritt und mit viel Zeit durch­läufst: Zu­erst Atem­zäh­len, dann ar­bei­test du mit „MU“, das ist dann der „Ein­gang des tor­lo­sen Tors“, das du durch­schrei­test. Dann folgt das Ko­an-Stu­­di­um, durch das du Schritt für Schritt hin­durch­gehst. Du musst dich dem ganz und gar hin­ge­ben. Das konn­te ich nicht in die­sem Mo­ment, da vie­le an­de­rer Ele­men­te in mei­ner Psy­che Auf­merk­sam­keit ver­lang­ten. Auch woll­te ich mei­nen Freund und mei­ne Mut­ter nicht so lan­ge al­lei­ne las­sen. Falls ich wie­der zu­rück­ge­he, muss sich erst ei­ni­ges ver­än­dern, da­mit ich da­für Raum habe.
Was hast du mit­ge­nom­men oder nimmst du aus die­ser Zeit mit in dein Le­ben hier?
Im Prin­zip, dass du ei­gent­lich al­les kannst. Das Le­ben ist dort so or­ga­ni­siert, dass kei­ne Flucht mög­lich ist. Du be­kommst ei­ne Auf­ga­be, und die­se Auf­ga­be wirst du ein­fach ma­chen. „Nein“ ist kei­ne Op­ti­on. In den Nie­der­lan­den wür­dest du bei­spiels­wei­se sa­gen: „Ich kann das nicht“, oder „Ich muss es erst üben“. Dort wur­de ich ins kal­te Was­ser ge­wor­fen. Ich wur­de kon­fron­tiert mit mir selbst, es gab kei­nen Aus­weg, und dar­um ver­stand ich, dass ich es doch konn­te. Sehr wert­voll. Ich ha­be auch ge­se­hen, wie­viel ich er­rei­chen kann, wenn mein Tag so struk­tu­riert ist. Wie­der zu­rück in mei­nem „ge­wohn­ten“ Le­ben fin­de ich es sehr schwer, die­ses Ni­veau an Dis­zi­plin aufzubringen.
Was hat dir die Zeit in So­gen­ji auf dem spi­ri­tu­el­len Ge­biet gebracht?
Wie­der ei­ne Fra­ge mit vie­len Aspek­ten. Das Trai­ning war sehr per­sön­lich. Die Klos­ter­zeit war auch ei­ne ei­gen­ar­ti­ge Zeit, weil sie ver­bun­den war mit ei­ner spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung, die schon vor­her be­gon­nen hat­te. Als ich mit Zen an­fing, dach­te ich: „Ich wer­de mich hin­ein­stür­zen und „hard­core“ me­di­tie­ren. So in­ten­siv wie mög­lich und auf sehr ho­hem Ni­veau, um so schnell wie mög­lich ei­ne Ent­wick­lung durch­zu­zie­hen. So dass ich im all­täg­li­chen Le­ben nicht mehr auf Din­ge sto­ße, die mich stören.
Im Lau­fe der Jah­re und si­cher wäh­rend des Jah­res, be­vor ich nach Ja­pan ging, be­kam ich schon mit, dass es so ein­fach nicht geht. Die Din­ge, die mir quer sit­zen, z. B. be­stimm­te Ängs­te, die schon sehr lan­ge in mir sind, ge­hen nicht so ein­fach weg. Als ich in Ja­pan war, ka­men die­se Emp­fin­dun­gen auch hoch. Ich ha­be sehr viel Za­zen ge­übt, und das war auch gut so. Ich lern­te tie­fe Konzentration,
in­tim und di­rekt in die­sem Mo­ment zu sein. Ab und zu gab es auch Mo­men­te ech­ter Ein­sicht. Aber wenn die Mo­men­te vor­bei wa­ren, fühl­te ich mich im­mer noch im Kon­takt mit Men­schen um mich her­um blo­ckiert. Das be­stä­tig­te mei­ne Er­kennt­nis, die ich im Jahr zu­vor hatte.
Ei­ne enor­me Er­kennt­nis war, dass ich di­rek­ter mit den Emo­tio­nen und Wi­der­stän­den ar­bei­ten muss. Ich hör­te öf­ter die For­mu­lie­rung: „Mit dem ei­ge­nen Schat­ten ar­bei­ten.“ Ich bin zu ei­nem spi­ri­tu­el­len Me­di­ta­ti­ons­coach in Ams­ter­dam ge­gan­gen, um dar­über mehr zu ler­nen. Wir ha­ben so­fort mit ei­ner Si­tua­ti­on ge­übt. Ich nahm ei­nen ganz nor­ma­len Ar­beits­tag in den Blick, an dem ich mich ängst­lich, un­si­cher fühl­te, so dass ich die Angst so di­rekt wie mög­lich wahr­nahm. In den nächs­ten Ta­gen ka­men viel al­ter Schmerz, Trau­er und Scham hoch. Die Tat­sa­che, dass das Füh­len der tie­fen Angst so ein Trig­ger für mei­ne Psy­che war, die nicht-ge­­fühl­­ten Din­ge nach oben zu ho­len, mach­ten mir deut­lich, dass ich im täg­li­chen Le­ben noch nicht wirk­lich ak­zep­tie­ren will, dass trotz mei­ner Zen-Pra­xis „ne­ga­ti­ve“ Ge­füh­le da sind. Al­so, was das Ego mit al­ler Macht ver­hin­dern will, von Trau­rig­keit bis Hoff­nungs­lo­sig­keit, das al­les muss ge­fühlt wer­den. Üb­ri­gens er­mög­licht mir die Ge­las­sen­heit, die ich im Za­zen ent­wi­ckelt ha­be, nun über­haupt di­rekt zu füh­len, oh­ne men­tal wegzulaufen.
Der Eingang (Foto von Frank)

Der Ein­gang (Fo­to von Frank)

Gibt es noch et­was, was du er­zäh­len möchtest?
… Ja, das Ri­tu­al des Bet­telns hat Spaß ge­macht. Das geht so: Du be­kommst Stroh­san­da­len und ei­nen drei­tei­li­gen An­zug zum An­zie­hen. Du be­kommst ein Kärt­chen mit Ver­sen, die du auf­sa­gen musst, und dann gehst du schrei­end durch das Vier­tel: Tief aus dem Bauch schreist du … „Hoooooaoooo!!“, und es schallt durch die gan­ze Nach­bar­schaft. Die Men­schen kom­men dann nach drau­ßen, dann stellst du dich vor sie hin und re­zi­tierst den Text, wäh­rend sie be­ten. Zum Schluss ge­ben sie dir et­was Geld. Al­les war sehr ri­tu­ell und sehr un­klar! Ich dach­te: „In was für ei­ne Si­tua­ti­on bin ich nun wie­der ge­ra­ten?!“ Aber es war sehr schön.
Und wie war es, wie­der zu­rück in die Nie­der­lan­de zu kommen?
An­pas­sung war not­wen­dig. Das „In-der-Welt-le­­ben“ ist ei­gent­lich viel schwie­ri­ger als im Klos­ter zu le­ben. Im Klos­ter war ich ei­gent­lich da­bei, das „In-der-Welt-le­­ben!“ zu üben. Ich hat­te sehr schnell das Ge­fühl: Wenn ich zu­rück bin, wird es schwie­rig wer­den. Ich muss­te ja ei­ne Stel­le su­chen und der­glei­chen. Aber das ist ja ge­nau das, was ich üben musste.
Was ich je­doch ver­mis­se, ist das un­ter Gleich­ge­sinn­ten zu sein. Die Be­geg­nung mit sehr un­ter­schied­li­chen Men­schen mach­te Spaß. Die an­de­ren Be­woh­ner ka­men aus den ver­schie­dens­ten Tei­len der Welt, mit den un­ter­schied­lichs­ten Hin­ter­grün­den, mit den un­ter­schied­lichs­ten Ei­gen­schaf­ten. In der so­ge­nann­ten „ge­wöhn­li­chen“ Welt zu ar­bei­ten, ist auch un­klar und selt­sam. Aber das ist wie­der ei­ne ganz an­de­re Art von Un­klar­heit. Aber al­les und je­der ist ein­zig­ar­tig. Wenn du nicht ein­zig­ar­tig bist, traust du dich nicht, du selbst zu sein.
(aus dem Nie­der­län­di­schen über­setzt von Ma­ria Fröhlich)

Quel­le: Zes we­ken in een Ja­pans zen­kloos­ter in Zen­Le­ven Herbst 2025

[1] Vgl. hier­zu Ji­un Ro­shi: “Fünf Ar­ten des Zen“ in Zen­Le­ven Herbst 2023.
[2] Ver­sor­ger; die Auf­ga­ben sind ver­gleich­bar mit de­nen der Sho­jis wäh­rend der Zen-Re­tre­ats auf Noor­der Poort