Hans Red­din­gius (ge­bo­ren 1930) lern­te in den sieb­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts die ja­pa­ni­sche Vers­form des Hai­ku ken­nen und war von ihr ge­fes­selt. Er ist schon vie­le Jah­re ak­ti­ves Mit­glied vom Nie­der­län­di­schen Hai­ku­Zir­kel, auch war er sie­ben Jah­re lang lei­ten­der Re­dak­teur der nie­der­län­di­schen Ab­tei­lung der Nie­der­län­disch­Flä­mi­schen Hai­ku­zeit­schrift Vu­urs­teen (Feu­er­stein). Seit 1998 prak­ti­ziert er Zen, un­ter an­de­rem in Retre­ats auf Noor­der Po­ort. Er küm­mert sich für Zen­Le­ven um die Haikurubrik.

Stille

Stil­le – was ist das ei­gent­lich, und wel­che Be­deu­tung hat Stil­le für dich? In­ter­es­san­te Fra­gen, denn die Ant­wort: “Stil­le ist die Ab­we­sen­heit von Ge­räu­schen“ trifft den Kern nicht wirk­lich. Wenn das al­les wä­re könn­ten wir hier gleich auf­hö­ren, denn in die­sem Sin­ne gibt es fast kei­ne Stil­le und kann sie des­halb kaum ei­ne Be­deu­tung be­sit­zen. Jetzt, wäh­rend ich dies schrei­be hö­re ich drau­ßen das Rau­schen des Win­des und das Trop­fen des Re­gens, und ich hö­re das Ti­ckern mei­ner Tas­ta­tur. Und ich sit­ze doch, fin­de ich, in ei­nem stil­len Zimmer.

Rau­schen von Wasser
Und Rau­schen von Blättern
Dar­in die Stil­le

nnnnnnnnnnnnnnIn­ge Lie­vaart1

Oft fällt Stil­le auf als Kon­trast zu ei­nem hef­ti­gen Ge­räusch das ge­ra­de noch da war.

Fremd durch die Stille
ein trom­meln­der Sturzregen
Fremd wie­der die Stil­le

nnnnnnnnnnnnnnIn­ge Lie­vaart1

Was ge­ra­de anschwillt
Ver­wan­delt sich in die Stille
Von ge­ra­de da­vor

nnnnnnnnnnnnnnW.J. van der Mo­len2

Man kann Sil­le auch wei­ter auf­fas­sen. Nicht al­lein als die Ab­we­sen­heit von ei­nem auf­fäl­li­gen oder stö­ren­den Ge­räusch, son­dern auch als das Feh­len jeg­li­cher Agi­ta­ti­on: Be­we­gung, An­rei­ze, Auf­re­gung, Dy­na­mik. Aber ge­nau­so wie bei Ge­räu­schen: selbst in Be­we­gung kann et­was von Stil­le sein. Sehr rät­sel­haft, aber das ist ge­ra­de das schö­ne daran.

Im Abend­licht
Lau­fen ent­lang des stil­len Sees
– Blü­ten­düf­te

nnnnnnnnnnnnnnAdri van den Berg3

Das Was­ser fällt nur
Steht er still, der Wasserfall?
Re­gungs­los die Bäu­me

nnnnnnnnnnnnnnJac Vroemen4

Ich den­ke, dass vie­le Men­schen und si­cher Dich­ter, ein Be­dürf­nis nach Stil­le ha­ben. Wir sind in un­se­rem Le­ben im­mer­zu mit ir­gend­was be­schäf­tigt und das ist auch nütz­lich und nö­tig, aber wor­um es wirk­lich geht, kann erst ent­deckt wer­den, wenn wir eben auf­hö­ren auf Rei­ze zu re­agie­ren, Plä­ne zu ma­chen und ach so wich­ti­ge Be­sor­gun­gen zu erledigen.

Im vol­len Zug
Su­chen nach der Stille
In mir selbst

nnnnnnnnnnnnnnCar­la Mos­tert5

Von nichts mehr wissen
Tief und unbeweglich
Sein wie ru­hi­ges Was­ser

nnnnnnnnnnnnnnW.J. van der Mo­len2

[1] Een spoor dat verv­lo­eit. De Beuk, Ams­ter­dam 1988
[2] W.J. van der Mo­len, Een vij­ver in zee.’t Schrij­ver­ke, ‘s Her­to­gen­bosch 2009
[3] Adri van den Berg, Hoog gras. Ra­d­ijs V, Mar­gi­na­le uit­ge­ve­r­ij Ada­na, Ha­ren 2012
[4] Jac Vroemen, Stil, de vleu­gels wijd . Hai­ku, sen­ryū en tanka. De Beuk, Ams­ter­dam 1996
[5] Car­la Mos­tert, in de­ze stil­te. ’t Schrij­ver­ke, ’s Her­to­gen­bosch 2009

(Über­set­zung aus dem Nie­der­län­di­schen von Sig­run Lobst und Pe­ter Trapet)

Quel­le: Stil­te, Zen­Le­ven Früh­jahr 2019