Edvard Munch, Die Sonne, Wandgemälde aus dem Jahr 1911

Ed­vard Munch, Die Son­ne, Wand­ge­mäl­de aus dem Jahr 1911

Ich höre das Licht, das Sonnenlicht pizzicato

von Su­igen Roshi

An­ge­nom­men, du me­di­tierst, sa­gen wir an ei­nem Zen-Wo­chen­en­de auf Noor­der Po­ort, und dein Fuß schläft ein. Är­ger­lich. Dann schlägt der Me­di­ta­ti­ons­lei­ter das Glöck­chen. Ha, denkst du, das En­de von Za­zen. Wenn je­mand fra­gen wür­de: Was hast du ge­hört? Könn­test du: Das Glöck­chen zum En­de des Za­zen oder so­gar nur: Das En­de von Za­zen ant­wor­ten. Aber was hast du wirk­lich gehört?

Ei­gent­lich nur tíííngggg.…
So­fort sagt dein Geist: Glöckchen.
Und so­fort, an­ge­sichts der Si­tua­ti­on: das En­de von Zazen.

Im Zen nen­nen wir die­se drei Schrit­te, die­se drei ver­schie­de­nen Mo­men­te des Be­wusst­seins, die drei Nen1. Wenn et­was durch ei­nen der Sin­ne ein­tritt, in die­sem Bei­spiel durch das Hö­ren, dann gibt es zu­nächst ei­ne di­rek­te Wahr­neh­mung: tí­í­íngggg. Wir nen­nen die­se das ers­te Nen. Dann ver­knüpft un­ser Geist ein Kon­zept da­mit. Im Bei­spiel: Glöck­chen. Das ist das zwei­te Nen.

Und dann folgt ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on: das En­de von Za­zen. Das ist das drit­te Nen. Und dann kann es noch ei­nen gan­zen Strom von Ge­dan­ken ge­ben, hier zum Bei­spiel über den ein­ge­schla­fe­nen Fuß, und ob es nicht bes­ser wä­re, ein wei­te­res Kis­sen zu neh­men und dass so ein Zen-Wo­chen­en­de hart ist, und so wei­ter. Das ist al­les Ge­dan­ken­ak­ti­vi­tät und fällt un­ter das drit­te Nen. Der gan­ze Pro­zess ist so schnell, dass man oft die ers­ten bei­den Nen gar nicht bemerkt.

War­um ist das wich­tig? Ich kann nach drau­ßen schau­en und den­ken: Baum. Aber tat­säch­lich ist je­der Baum ein In­di­vi­du­um. Je­der Baum ist an­ders. Je­des Blatt an je­dem Baum ist an­ders. Das Kon­zept des Bau­mes be­sei­tigt die­se Un­ter­schie­de. Ich ha­be da­mit ei­ne po­ten­zi­ell sehr reich­hal­ti­ge Er­fah­rung arm gemacht.

Das be­deu­tet nicht, dass Kon­zep­te ab­ge­schafft wer­den soll­ten: Wir brau­chen Kon­zep­te, al­lein schon, um mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Au­ßer­dem wä­ren wir über­wäl­tigt, wenn wir stän­dig al­les in vol­lem Reich­tum er­le­ben wür­den – un­ser Ge­hirn kann das nicht verkraften.

Es ist auch nö­tig, über Kon­zep­te nach­zu­den­ken (das drit­te Nen). Zen zu prak­ti­zie­ren be­deu­tet nicht, dass du ver­suchst, die­se zwei­ten und drit­ten Nen, das Be­nen­nen und Den­ken, für im­mer loszuwerden.

Aber dein Le­ben wird rei­cher, wenn die Er­fah­rung nicht im­mer ab­ge­flacht ist, wenn du auch das ers­te Nen er­le­ben kannst. Bei Me­di­ta­ti­ons-Retre­ats ge­schieht dies oft spon­tan. Plötz­lich gibt es nur noch das Hö­ren die­ses tiii­ing, oh­ne ei­nen Ge­dan­ken. Plötz­lich bleibt nur noch das Se­hen des Bau­mes in sei­ner gan­zen Ein­zig­ar­tig­keit. Zen-Pra­xis kann dir das ge­ben – an­fangs spon­tan, zu­fäl­lig, aber schließ­lich lernst du auch, be­wusst dort­hin zu gehen.

Ji­un Ro­shi nennt das: das Be­frei­en des ers­ten Nen. Statt des ers­ten Nen kann man auch di­rek­te Wahr­neh­mung oder di­rek­te Er­fah­rung sagen.

Ge­ra­de weil ei­ne sol­che di­rek­te Wahr­neh­mung Kon­zep­ten vor­aus­geht, kann sie tat­säch­lich nicht in Wor­te aus­ge­drückt wer­den. Oder manch­mal doch – aber da­zu braucht es ei­nen Wort­künst­ler: ei­nen Dich­ter. Hai­ku ist ei­ne Form der Poe­sie, die eng mit Zen ver­bun­den ist, wes­halb es vie­le Hai­kus gibt, die auf di­rek­ter Be­ob­ach­tung ba­sie­ren. Aber es kommt auch in Poe­sie von Dich­tern vor, die – so­weit ich weiß – nichts von Me­di­ta­ti­on oder Zen wussten.

1951 schrieb Hans An­d­reus, da­mals fünf­und­zwan­zig Jah­re alt, das Ge­dicht In der Son­ne lie­gen2

Ich hö­re das Licht, das Son­nen­licht piz­zi­ca­to3
die Wär­me spricht wie­der zu mei­nem Gesicht
ich lie­ge wie­der es geht so nicht es geht so
ich lie­ge wie­der mo­no­ma­nisch wie­der be­täubt von Licht

Ich lie­ge in mei­ner Haut aus­ge­streckt singend
lie­ge lei­se sin­gend ant­wor­te auf das Licht
lie­ge tö­richt so tö­richt nicht au­ßer­halb der Men­schen Dinge
um von dem Licht zu sin­gen das um mich her­um und auf mir liegt.

Ich lie­ge hier deut­lich ganz süd­lich ohne
zu wis­sen wie oder was ich lie­ge nur still
ich weiß nur das Licht Wun­der über Wunder
ich weiß nur al­les was ich wis­sen will.

Dies ist die Ver­sprach­li­chung ei­ner di­rek­ten Er­fah­rung. Für ei­nen Mo­ment schei­nen die Ge­dan­ken die Ober­hand zu ge­win­nen: Es funk­tio­niert ein­fach nicht, di­rekt ge­folgt von: Es geht so. Es gibt noch mehr über die­ses Ge­dicht zu sa­gen: wie es durch die Ver­wen­dung der Vo­ka­le singt, wie die ers­ten Zei­len die Ge­samt­heit der Er­fah­rung be­to­nen, in­dem sie Hö­ren, Se­hen und Füh­len ver­mi­schen, wie die frag­men­tier­te Spra­che die Un­aus­sprech­lich­keit an­deu­tet, wie die be­frei­en­de Wir­kung in den letz­ten bei­den Zei­len hervorkommt.

Auch in dem kur­zen Ge­dicht The Night­in­gales von J.C. Blo­em le­se ich die­se di­rek­te Beobachtung:

Ich ha­be vom Le­ben fast nichts erwartet
Glück ist ein­fach nicht zu ergreifen
Was macht das schon? — In der kal­ten Frühlingsnacht
sin­gen die un­sterb­li­chen Nachtigallen 

Die ers­ten bei­den Zei­len drü­cken düs­te­re Ge­dan­ken über das Le­ben aus (drit­tes Nen) – und dann bricht plötz­lich die di­rek­te Er­fah­rung des Ge­sangs der Nach­ti­gal­len durch. Die­ses Ge­dicht lässt üb­ri­gens auch an­de­re Les­ar­ten zu – dar­über ha­be ich be­reits in ei­ner frü­he­ren Aus­ga­be von Zen­Le­ven ge­schrie­ben.4

In di­rek­ter Wahr­neh­mung kom­men wir der Rea­li­tät so nah wie mög­lich.5 Die­se Wahr­neh­mung zu be­nen­nen und si­cher auch dar­über wei­ter nach­zu­den­ken, fügt et­was hin­zu, das nicht aus der Rea­li­tät, son­dern aus un­se­rem Geist stammt. Und noch ein­mal: Das ist kein Ap­pell, nie­mals zu den­ken. Es ist ein Plä­doy­er da­für, sich im­mer be­wusst zu blei­ben, dass das, was du denkst, ei­ne Kon­struk­ti­on dei­nes Geis­tes ist. Und das ist aus mehr als ei­nem Grund wichtig.

Vie­le Men­schen ha­ben ne­ga­ti­ve Ge­dan­ken über sich selbst und lei­den dar­un­ter. Es ist ein wich­ti­ger Schritt, die­se Ge­dan­ken als Ge­dan­ken zu se­hen und nicht als Rea­li­tät, denn das ist der ers­te Schritt, um sol­che Denk­mus­ter zu ändern.

Aber es gibt auch an­de­re Grün­de, Denk­mus­ter än­dern zu wol­len. Es ist mein tie­fes Be­dürf­nis, Weis­heit und Mit­ge­fühl zu ent­wi­ckeln, aber in mei­nem Kopf fin­de ich re­gel­mä­ßig Ge­dan­ken, die we­der wei­se noch mit­füh­lend sind.

Und drit­tens er­kennst du, dass je­de Welt­an­schau­ung und je­de Mei­nung ei­ne Kon­struk­ti­on des Geis­tes ist, ge­prägt von ei­ner Viel­zahl von Fak­to­ren: Zeit, Kul­tur, Er­zie­hung, Be­ga­bung, Tem­pe­ra­ment, Freun­de, Schu­le und so wei­ter. Es ist dein vol­les Recht, ei­ni­ge Welt­an­schau­un­gen und Mei­nun­gen ab­zu­leh­nen und so­gar da­ge­gen zu han­deln, aber ver­ach­te nicht die Men­schen, die sie schät­zen, noch be­trach­te sie als dei­ne Feinde.

Ge­ra­de weil die­ses drit­te Nen nicht die Wirk­lich­keit ist, kannst du sie mit ge­dul­di­ger und hin­ge­bungs­vol­ler Übung um­pro­gram­mie­ren. Und das sind gu­te Nachrichten.

1: Zum Be­griff “Nen” vgl. Z.B. das Buch Zen trai­ning von Sekida.
2: Aus dem Sam­mel­band Mu­ziek vo­or ki­jk­die­ren (Mu­sik für Zu­schau­er); eben­so wie sei­ne ge­sam­mel­ten Ge­dich­te nur noch ge­braucht erhältlich.
3: Spiel­wei­se bei Streich­in­stru­men­ten, bei der die Sai­ten nicht mit dem Bo­gen ge­stri­chen, son­dern ge­zupft werden.
5: Man kann nicht sa­gen, dass wir dann ‘die Din­ge so wahr­neh­men, wie sie sind’, weil un­se­re Wahr­neh­mung durch die Sin­ne be­stimmt und be­grenzt wird, die uns die Evo­lu­ti­on ge­ge­ben hat. Ein Hund, ei­ne Bie­ne oder ei­ne Fle­der­maus nimmt an­ders wahr und lebt da­her in ei­ner an­de­ren Rea­li­tät. Es gibt ein fan­tas­ti­sches Buch über die Sin­ne und Wahr­neh­mung von Tie­ren: An Im­mense World von Ed Yong. (Die er­staun­li­chen Sin­ne der Tie­re Ed Yong)
(Über­setzt aus dem Nie­der­län­di­schen von Ma­rie Loui­se Linder)

Quel­le: Ik ho­or het licht het zon­licht piz­zi­ca­to in Zen­Le­ven Herbst 2025