Dharma-Vortrag von Jiun Roshi

Dai-Sess­hin, 5. Tag
Sonn­tag, 31. Ju­li 2016

 

Gu­ten Mor­gen!

Auf dem Zen-Ka­len­der stand ein­mal: A sa­ge has no self, but the­re is not­hing that is not him­s­elf.

Ein Wei­ser hat kein Selbst, aber es gibt nichts, das nicht sein Selbst ist.

Wir al­le ha­ben ir­gend­wann ein­mal mit Zen be­gon­nen – war­um?

Me­di­ta­ti­on ist gut – macht ru­hig, macht den Kopf leer, macht glück­lich, dient der bes­se­ren Kon­zen­tra­ti­on – lau­ter Aus­sa­gen, bei de­nen der per­sön­li­che Nut­zen im Vor­der­grund steht.

So­bald du den Zen-Weg et­was wei­ter ge­gan­gen bist, ver­stehst du, dass es um mehr geht. Es be­ginnt na­tür­lich bei uns selbst, aber es hört da nicht auf.

Als du den Zen-Weg ge­wählt hast, hast du mög­li­cher­wei­se be­schlos­sen, dein Le­ben zu ver­än­dern. Zen be­deu­tet, dich als be­frei­tes We­sen zu ver­wirk­li­chen, so­dass du zu­frie­den sein und an­de­ren hel­fen kannst. Zu­nächst geht es al­so dar­um, dich als be­frei­tes We­sen zu ver­wirk­li­chen. Das Ziel von Zen ist es nicht, glück­lich, ru­hig und kon­zen­triert zu sein, nein, es geht um das frei wer­den, und in der Fol­ge kannst du glück­lich sein, d.h. zu­frie­den mit dem, was ist, im Ex­trem­fall kann das so­gar be­deu­ten, dass du dei­nen Frie­den im Un­glück­lich­sein fin­dest. Auf die­ser Ba­sis kannst du an­de­ren hel­fen. Der Weg der Be­frei­ung dient al­so nicht dem Zweck, von nie­man­dem et­was und nichts mehr zu brau­chen, er hat nichts mit Gleich­gül­tig­keit zu tun. Der Weg der Be­frei­ung be­deu­tet, dass du in Har­mo­nie mit der Welt und den Men­schen um dich her­um lebst.

Im Zen be­gin­nen wir un­se­re Bud­dha-Na­tur zu er­ken­nen; in der Be­griff­lich­keit des Bud­dha: anat­ta, das Nicht-Selbst zu er­ken­nen.

Al­les, was ist, auch was wir Selbst nen­nen in­be­grif­fen, hat kei­ne selbst­stän­di­ge, dau­er­haf­te Sub­stanz. Al­les ist leer. Leer, sun­ya­ta, be­deu­tet nun nicht die Ab­we­sen­heit von et­was, wie z.B. ei­ne Tas­se leer sein kann. Leer­heit be­deu­tet zu­gleich nichts und die Mög­lich­keit von al­lem.

Al­le Din­ge sind Er­schei­nun­gen, die nicht oh­ne die Lee­re exis­tie­ren kön­nen.

Nicht-Selbst be­deu­tet al­so nicht, dass ich nicht exis­tie­re. Was wir Ich nen­nen, ist ei­ne Rei­he von Er­schei­nun­gen, die durch die zu­grun­de­lie­gen­de Lee­re mög­lich wer­den. Die­se Rei­he von Er­schei­nun­gen gibt uns die Idee von Ich; Selbst­be­wusst­sein ent­steht al­so in der Er­schei­nun­gen. Im Zen nen­nen wir die­se Er­kennt­nis das wah­re Selbst er­fah­ren.

An­ders aus­ge­drückt: der Bud­dha er­kann­te, dass es kein Ich im Ge­gen­satz zu ei­nem an­de­ren gibt, son­dern dass das Ich als ein an­de­res er­scheint und ein an­de­res als Ich.

Dies ist schwer zu ver­ste­hen, weil un­ser Be­wusst­sein in dem Au­gen­blick des Re­flek­tie­rens per de­fi­ni­tio­nem dua­lis­tisch ist, oder nicht an­ders kann als zwi­schen „ich“ und „et­was“ zu un­ter­schei­den. Durch die Me­di­ta­ti­on be­rei­ten wir die Ba­sis für die Er­kennt­nis der Nicht-Dua­li­tät. Prabha­sa Dhar­ma, zen­ji sag­te so schön: In al­len bud­dhis­ti­schen Übun­gen geht es dar­um zu rea­li­sie­ren oder zu ver­wirk­li­chen, dass wir fort­wäh­rend eins sind in dem, was noch kein Be­griffs­kon­zept ge­wor­den ist. Das be­deu­tet frei­lich nicht, dass du nichts ver­än­dern kannst, so­lan­ge du die­se Er­fah­rung noch nicht hast. Es kann näm­lich schnell ge­hen, aber es kann auch vie­le Jah­re dau­ern, bis wir die­ses wah­re Selbst rea­li­siert ha­ben und mit den Kon­se­quen­zen le­ben kön­nen. In der Zwi­schen­zeit kannst du dar­auf ver­trau­en, dass die­se jahr­hun­der­te­al­te Ein­sicht eben ein gut ge­wähl­tes und von den Wis­sen­schaf­ten im­mer stär­ker un­ter­mau­er­tes Wort ist.

Lasst uns nun ein­mal da­von aus­ge­hen, dass al­les ein Gan­zes ist. Al­les, was dir be­geg­net, al­les, wo­mit du in Be­rüh­rung kommst, ist gleich­sam dein Kör­per. Wenn et­was in dir Schmerz oder Wut oder Freu­de her­vor­ruft, ist das al­les dein Kör­per. Wenn du die Din­ge so siehst, fin­dest du viel­leicht bes­ser die rich­ti­ge Me­di­zin. Der­je­ni­ge, auf den du bö­se wirst, ist et­was in dei­nem Kör­per, viel­leicht et­was, was krank ist: Was sollst du ma­chen? Du musst et­was ma­chen, denn wenn du dei­ne Krank­heit nicht be­han­delst, schrei­tet sie fort. Je nach Krank­heit gibt es vie­le The­ra­pi­en und Arz­nei­en, und meis­tens ist es nicht nö­tig, den kran­ken Kör­per­teil zu ent­fer­nen oder so­fort Che­mo­the­ra­pie dar­auf an­zu­set­zen. Und doch ma­chen wir das mehr oder we­ni­ger, wenn wir z.B. aus dem Zorn her­aus re­agie­ren: et­was muss weg. Wenn du dir nun des­sen be­wusst bist, dass das al­les dein ei­ge­ner Kör­per ist, wirst du ge­wiss an­de­re, bes­se­re Heil­mit­tel fin­den. Die Fra­ge, die du dir im­mer wie­der stel­len kannst, ist fol­gen­de: Was hat, braucht oder hat nö­tig das, was da ge­ra­de so er­scheint, als müs­se es bes­ser, ge­sün­der wer­den?

Manch­mal reicht ein di­rek­tes Ein­grei­fen, manch­mal musst du über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum an der Ge­ne­sung ar­bei­ten, und manch­mal brauchst du gar nichts zu ma­chen. Es ist eben dein Kör­per.

Ver­su­che ein­mal auf die­se Wei­se an die Din­ge her­an­zu­ge­hen, die dir be­geg­nen, und als gu­ter Arzt oder The­ra­peut machst du das mit Hin­ga­be und der Ab­sicht, zu hel­fen. Wenn du dei­ne Schmer­zen, dei­ne Sor­gen, dei­ne Wut, dei­ne Lie­be ge­ra­de so be­trach­test, als wä­ren sie dein Kör­per, dann fin­dest du die rich­ti­ge Me­di­zin. Die schwie­ri­gen Kol­le­gen, der an­spruchs­vol­le Part­ner, die Re­gie­rung, die ver­drieß­li­che Be­schlüs­se fasst, al­les ist dein Kör­per. Was tun, wenn du hörst, dass in Afri­ka gro­ße Tro­cken­heit herrscht? Es ist dein Kör­per, war­um al­so nicht ein we­nig be­wuss­ter mit Was­ser um­ge­hen? Du weißt, dass täg­lich so vie­le Kin­der und Er­wach­se­ne ver­hun­gern. Was tun? – Es ist dein Kör­per. Du kannst ei­ne Men­ge tun, du kannst ei­ne Men­ge nicht tun, aber ich den­ke, dass du auf je­den Fall dank­bar bist für das Es­sen, wel­ches du be­kommst und dass du kein Es­sen weg­wirfst.

Lan­ge es bei an­de­ren su­chend
war ich weit da­von ent­fernt
jetzt ge­he ich al­lein
und se­he es über­all
es ist nur mein Selbst
und ich bin es nicht selbst
auf die­se Wei­se es ver­ste­hend
kann ich so sein
wie ich bin
wie ich bin To­zan

Ei­nen gu­ten Tag!

Über­set­zung aus dem Nie­der­län­di­schen von Do­ris Beh­rens